Zauberpulver und
ähnliche Hexereien
- ein Winzermärchen -
Es war einmal ein Winzer, irgendwo in Rheinhessen oder
der Pfalz. So oder ähnlich beginnen viele Geschichten,
aber das Anbaugebiet tut hier eigentlich nichts zur Sache,
denn gewisse Reflexe sind übergebietlich. Auf jeden
Fall hatte der Winzer einen guten Riesling im Keller.
Vollreif, schonend behandelt, filtriert und eigentlich
füllfertig. Selten habe er ihn so reintönig
und fruchtig hingekriegt, meinte er. Nur das letzte Quäntchen
Sicherheit fehlte ihm noch, ob der Wein denn wirklich
so gut sei oder ob man ihn nicht noch besser machen könne.
Schließlich war er in der Sensorik schon immer unsicher
gewesen und von all den modernen Zauberpulvern, die er
bei den jüngeren und önologisch gut ausgebildeten
Kollegen kürzlich gesehen hat, hatte er noch kein
einziges zugefügt.
Nach dem Besuch im örtlichen Weinlabor kam er mit
beiden Armen voll bepackt zurück: Stabilisierung,
Strukturierung, Glättung, und Mundfülle waren
die Schlagwörter, die den Einsatz all der Päckchen
und Tütchen rechtfertigen sollten. Fachleute müssen
es ja schließlich wissen.... Richtig teuer sind
diese innovativen Wundermittel zwar, aber was soll's,
wenn der Wein dadurch wirklich besser wird und die Analysen
zudem noch konkurrenzlos billig sind. Er gestand sich
ein, dass er die rasante Entwicklung der letzten Jahre
nicht so richtig mitverfolgt hatte, weil all die Fremdwörter,
chemischen Zusammenhänge und überhaupt das Theoretische
nicht so seine Stärke waren. Aber die Erfolge seiner
Kollegen, die waren ganz sicher auf die Anwendung der
richtigen Zauberpulver zurückzuführen. Je zahlreicher,
desto besser.
Mit erleichtertem Gewissen schloß er das Rührwerk
an und rührte den Inhalt der diversen Päckchen
in den Wein. Fast alles Spezialpräparate im Alleinvertrieb,
die dem Wein den letzten Schliff geben, las er zwischen
den Zeilen der mit überzeugenden Fachausdrücken
aufgemachten Verpackungen. Wie praktisch, dass die Weinverordnung
noch keine Zutatenliste auf dem Etikett vorschreibt, wie
man sie von anderen Lebens- und Genussmitteln her kennt!
Einige der Namen, die er flüchtig auf den Packungen
las, hatte er schon gehört. Hatte davon nicht auch
der nette Herr von der Weinbauberatung am letzten Winzerabend
gesprochen? Der muß es ganz bestimmt wissen, denn
wozu gibt es schließlich Autoritäten, wenn
nicht, um an sie zu glauben?
Mit einem Male verstand er, wie einfach es doch geworden
ist, guten Wein zu machen. Man muß sich eben nur
die richtigen Zauberpulver verkaufen lassen, und dabei
braucht man gar nicht mehr zu denken. Und wenn es so viele
schlechte Weine gibt, dann sicher deshalb, weil nicht
die richtigen Päckchen hineingerührt und die
Imperative der additiven Önologie vernachlässigt
werden. Der Sohn seines Nachbarn, der im letzten Semester
studiert, hat schon unzählige der verschiedensten
Pulver ausprobiert. Alle bewundern seine önologische
Kompetenz. Der wird bestimmt einmal Spitzenwinzer. Etwas
muß er ja gelernt haben in all den Jahren des Studiums!
Da der Wein nach dieser Intervention unseres Winzer wieder
leicht eingetrübt war, filtrierte er ihn nach wenigen
Tagen. Erwartungsvoll sah er der Verkostung seines mit
so viel Mühe und Geld aufgewerteten Tropfens entgegen.
Deutlich weniger der einst so schönen Fruchtaromen
hatte er schon, und auch die feinperlig eingebundene Gärungskohlensäure
war geringer geworden, fand er. Das muß wohl die
Folge des Rührens, Pumpens und Filtrierens gewesen
sein. Alles in allem noch zu verkraften, dachte er sich,
wenn denn ein Wein wirklich so sein muß, damit er
gut ist. Nur der kratzig-gerbende Abgang, den mochte er
in seinem Riesling nun wirklich nicht. Ob der wohl etwas
mit dem Tannin, speziell aufbereitet für die Weißweinbereitung,
zu tun hat, von dem er beiläufig auf einem der Päckchen
las?
Von Woche zu Woche empfand er den Wein müder und
eckiger. Schließlich fuhr er zum nächsten Kellereiartikelhändler
und kaufte sich ein weiteres Päckchen, speziell zur
schonenden Glättung unglatter Weine. Schloß
wieder das Rührwerk an, rührte, pumpte und filtrierte.
Am nächsten Abend begutachtete er den Erfolg seiner
erneuten Intervention. Sicher, gerbsig war der Wein nun
nicht mehr, ganz im Gegenteil. Dafür leer, fade,
müde und strapaziert, eben wie ein vulgärer
Weißwein, von dem man den Sortentyp nur noch vage
erahnen konnte. Und das trotz der aromastarken Kaltgärhefe
im letzten Herbst, von der alle Kollegen am Winzerstammtisch
sprachen!
Da der Wein aber sauber war, reichte es natürlich
noch für die Prüfnummer. Doch im nächsten
Jahr, so schwor er sich, wird er wieder sein eigenes Denkvermögen
einsetzen. Wenn all die modernen Zauberpulver denn Önologie
seien, kann er auf diese Art von Önologie getrost
verzichten. Schließlich bekam er in früheren
Jahren, als er seine Weine so wenig wie möglich mißhandelte,
fast alle Füllungen prämiert.
Der nächste Herbst kam mit der regelmäßigen
Sicherheit aller jährlich wiederkehrenden Ereignisse.
Der Handelsvertreter für Kellereiartikel fuhr durchs
Dorf und stellte seine neueste Produktlinie noch besserer
Behandlungs- und Zusatzstoffe vor, die hochglanz-broschürten
Werbeblätter der neuesten Generation von Hefen und
Tanninen flatterten ins Haus, und am Winzerstammtisch
herrschte helle Aufregung ob der neuesten kellertechnischen
Innovation, die alle Probleme mit Massenträgern,
unreifen Trauben und fachlicher Unkenntnis auf einen Strich
löst.
Unser Winzer blieb ruhig, fuhr durch seine Rebanlagen
und sah sich die Trauben an. Zwar versuchte der Lohnunternehmer
mit dem Vollernter, ihm wie gewohnt den Lesetermin vorzugeben,
aber dieses Mal setzte er sich durch und verzögerte
die Lese seiner Weinberge so lange, wie es der Gesundheitszustand
der Trauben erlaubte. Sein Riesling kam an einem der letzten
Tage im Oktober an die Reihe. Hatte er nicht irgendwann
auf einer Exkursion ins benachbarte Ausland gehört,
dass die aromatische Reife noch lange weiterläuft,
nachdem die Zunahme des Mostgewichts schon längst
zum Stillstand gekommen war?
Vieles andere hatte er bei dieser Gelegenheit noch kennengelernt,
unter anderem den den hervorragend ausgebildeten Önologen,
der den Winzern beratend zur Seite stand. Dieser kümmerte
sich nicht nur um die notwendigen Analysen, sondern begleitete
den gesamten Werdegang der Weine von der Lese bis zur
Abfüllung. Ständig sprach er von der gezielten
Nutzung natürlicher Reaktionen, probierte und diskutierte
Weine. Nur von Behandlungs- und Zusatzstoffen sprach er
kaum; als Verkäufer wollte er wohl keine Karriere
machen.
Seine Kollegen im Dorf belächelten unseren Winzer,
als er während der Lese an seinen goldgelben Trauben
roch, sie zerkaute und ihr Aroma in sich hineinsog. Seine
Kollegen hatten die Lese nämlich schon längst
abgeschlossen, weil sie unbedingt fertig werden wollten.
Wenn man den Keller voll mit UTA haben will, muß
man sich eben beeilen, dachte er sich insgeheim. Von einigen
hatte er gehört, dass der UTA vom letzten Jahr immer
noch da war. Sogar schöner als je zuvor, obwohl ihnen
das Weinlabor eine beeindruckende Vielfalt von Zauberpulvern
dagegen verschrieben hatte, von denen die neueste Generation
tatsächlich eine Linderung des Problems ermöglichen
sollte. Vielleicht war auch alles nur eine Frage des Glaubens,
denn wie in so vielen Fragen des täglichen Lebens
treten Wunder nur ein, wenn man ganz fest an sie glaubt.
Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Zauberpulver,
Zauberrohre oder andere Varianten önologischer Magie
handelt. Quacksalberei war nicht nur im finsteren Mittelalter
eine der rentabelsten Wirtschaftszweige.
Mit langsam laufender Pumpe und ohne überflüssiges
Quetschen beförderte unser Winzer seine Trauben vom
Traubenwagen in die Presse. Die letzte Pressfraktion verwarf
er. Dass diese wenigen Liter scheußlich grün
und bitter schmeckenden Mostes ihm von irgendeinem Vorteil
sein sollten, konnte er sich nicht vorstellen. Zwar hatte
er sich wie alle anderen im Dorf in den vergangenen Jahren
eine moderne Tankpresse zugelegt, doch diese schlug den
halbtrockenen Maischekuchen so oft auf, dass ihn die letzten
Druckfraktionen nicht immer überzeugten.
Zu dem frisch gepressten Most gab er ein pektolytisches
Enzym zur Förderung der Selbstklärung und, einige
Stunden später, noch das Bentonit. Am nächsten
Morgen konnte er einen sauber vorgeklärten Most abziehen,
den er mit Reinzuchthefe versetzte. Sicher, sein Nachbar
hatte dank der Flotation am gleichen Abend noch viel sauberere
Moste, aber war dort nicht das Problem mit der flüchtigen
Säure aufgetreten, als der Wein an Weihnachten immer
noch gärte und später verschämt im Dunkeln
auf den Tankzug entsorgt wurde?
Als nach zwei Wochen der Wein in die ausklingende Gärung
ging, füllte unser Winzer den Tank voll bis zum Überlaufen.
Nochmals zwei Wochen später war die Gärung bei
5 g/l Restzucker zum Stillstand gekommen, und er schwefelte
auf. Danach ruhte er sich aus. Nur einmal in der Woche
verkostete er alle seine Weine; das ließ er sich
nicht nehmen.
Inzwischen hatte längst eine hektische Betriebsamkeit
in den Kellern seiner Kollegen eingesetzt. Die Jungweine
wurden abgestochen, gepumpt, gerührt, filtriert,
geschönt, verbessert, wieder filtriert, entsäuert,
mit Zusatzstoffen angereichert und wieder geschönt.
Erstaunt vernahm man, dass der größte Winzer
im Dorf schon alle Weine hell und steril filtriert eingelagert
hat, damit sie sauber sind und sich halten. Nur so kann
man den Ärger mit der Prüfstelle vermeiden.
Sogar der gesamte Keller habe nach den Weinen gerochen,
so intensiv sei einst ihr Aroma gewesen. Wozu soll man
Weine überhaupt noch ausbauen, wo es heute doch so
einfach ist, sie mit den richtigen Maschinen und Zauberpulvern
rasch füllfertig und platt zu machen? Wichtig ist
die Wahl des richtigen Kochbuches mit den griffigsten
Rezepten. Den Rest besorgt der Lohnabfüller mit seinem
Cross-Flow- und Membranfilter, der noch steriler als steril
filtrieren kann und dabei sogar die Mannoproteine, Glucane
und den Gummi arabicum herausfiltriert, die man einst
in Form geschmacksverstärkender Zusatzstoffe in den
Wein eingerührt hatte.
Unser Winzer beobachtete über Wochen, wie sein Wein
sich von selbst klärte, stach ihn schließlich
mittels seiner langsam laufenden Pumpe ab und füllte
ihn wieder bis zum Überlaufen bei. Im Januar ließ
er einen Wärmetest auf Eiweiß, einen Bräunungstest
auf Gerbstoff und einen Kupfertest auf Böckser durchführen.
Er griff nur ein, wenn es wirklich nötig war. Er
gab dem Wein nur das, was er tatsächlich benötigte.
Seit er wieder gelernt hatte, seinen gesunden Menschenverstand
zu gebrauchen und selbständig zu denken, war dies
bei seinen meisten Weinen nichts oder wenig. Deshalb mußten
sie auch kaum gerührt und gepumpt werden und präsentierten
sich so erstaunlich frisch und fruchtig. Deshalb setzte
in seinem Keller auch nicht der unreflektierte Aktionismus
wie bei seinen Kollegen ein. Mit einem Male kam ihm die
eingefahrene Routine in seinem Dorf kleinkariert vor.
Irgendwann im späten Frühjahr verständigte
er sich mit seinem Wein darauf, dass der richtige Zeitpunkt
zum Abfüllen gekommen sei. Wie leicht und schonend
der inzwischen fast helle Wein jetzt durch den Schichtenfilter
lief, bei dieser ersten Filtration nur wenige Tage vor
der Füllung! Sogar die natürliche Kohlensäure
und die fruchtigen Aromen nach tropischen Früchten,
Äpfeln und Limetten, die er im letzten Jahr so sehr
vermisste, waren erhalten geblieben. Vollmundiger und
nachhaltiger war er auch, selbst ohne das Einrühren
geschmacksverstärkender Zusatzstoffe. Ob das wohl
daran lag, dass unser Winzer seinen Ertrag unter Kontrolle
hielt und die Trauben reif werden ließ? Und einsah,
dass Feinhefe kein schädlicher Schmutz ist?
An einem ruhigen Abend öffnete er sich eine Flasche
seines Rieslings und grübelte über seine neuen
Erfahrungen nach. Wenn das so einfach ist, sann er, benötigt
man zur Herstellung eines guten Weines außer einigen
Fachkenntnissen im Wesentlichen nur gute Trauben, die
man schonend verarbeitet, und Zeit, um den Wein schonend
auszubauen. All das hatte er vor vielen Jahren einmal
gelernt, denn schließlich war er kein ungelerntes
Bäuerchen, sondern hatte eine solide Fachausbildung
genossen. Nur einiges Vertrauen hatte er zwischenzeitlich
verloren: Das Vertrauen in elementarste Grundlagen der
Weinbereitung, weil man in seinem Kollegenpreis nur noch
über neueste Maschinen, Verfahren und Präparate
sprach und selten über Wein. Das Vertrauen in sein
eigenes Denk- und Beobachtungsvermögen, an dessen
Stelle die geistige Abhängigkeit von den Werbeaussagen
der Zulieferindustrie trat. Und schließlich das
Vertrauen in sein sensorisches Beurteilunsvermögen,
weil inzwischen Weinpäpste und ähnliche Meinungsbildner
über Qualität entscheiden.
Bei der zweiten Flasche durchfuhr ihn noch ein letzter
Gedanke: Vielleicht sollte man sich wirklich weniger mit
den industriellen Techniken des kellertechnischen Aufmotzens
oder Mißhandelns beschäftigen und den einzelnen
Wein wieder mehr in den Mittelpunkt des Handelns stellen.
Daraus könnte wieder so etwas wie eine Weinkultur
entstehen wie damals, als man deutschem Wein noch weltweit
Achtung entgegen brachte.
Volker Schneider, Bingen